Andockstelle: Wie Kinder depressiven Eltern helfen

Posted on Januar 11th, 2014 Januar 11th, 2014 by Diana

Verunsichert, ratlos, überfordert: Je jünger das Kind, desto gravierender können die Folgen sein.

Etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Geschätzte drei Millionen von ihnen, also fast jedes vierte Kind, wächst mit einem Elternteil auf, das an einer psychischen Störung leidet – vorübergehend, wiederholt oder dauerhaft. Damit sind nicht alltägliche Stimmungsschwankungen gemeint, sondern Erkrankungen, die das Leben deutlich beeinträchtigen und behandlungsbedürftig sind, wie etwa Alkohol- und Drogensucht, Psychosen, Depressionen und Manien, Angst- und Essstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen. 33,3 Prozent aller Erwachsenen leiden nach Angaben der DEGS-Studie des Robert-Koch Instituts von 2012 mindestens einmal im Leben an einer solchen Erkrankung. Bei mehr als einem Drittel treten mehrere dieser Störungen gemeinsam auf.

Je jünger das Kind, desto gravierender können die Folgen für seine Entwicklung sein. Die psychischen Grundlagen für Urvertrauen und Bindungsfähigkeit werden vor allem in den ersten Lebensjahren gelegt. Erfährt ein Kind dann keine körperliche und seelische Sicherheit und Verlässlichkeit, keine sinnvollen Grenzen, aber auch keine Ermutigung bei seiner allmählichen Lösung aus der Abhängigkeit von den Eltern – weil diese ständig betrunken sind oder „high“, in Wahnvorstellungen gefangen oder wegen einer Depression nicht ansprechbar -, fühlt ein Kind sich zunehmend verunsichert, ratlos, überfordert. Häufig muss es zudem Verantwortung für jüngere Geschwister oder die Mutter selbst übernehmen und diese etwa trösten. „Parentifizierung“ oder „Beeltern“ sagen Fachleute dazu. Liegt bei einem Elternteil eine Persönlichkeitsstörung vor, sind Kinder besonders gefährdet, wie eine deutsche Studie 2011 zeigte.

„Borderline ist eine Beziehungsstörung“

Das gilt vor allem für die Borderline-Störung, die zugleich zu den häufigsten gehört. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland sollen von dieser psychischen Erkrankung betroffen sein, Frauen häufiger als Männer. Die Symptome sind vielfältig. Grundlegend sind plötzliche Stimmungsumbrüche, ein instabiles Selbstbild sowie ein Gefühl innerer Leere und die Angst, verlassen zu werden. Hinzu kommen häufig Angst, Depressionen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Starke, innere Spannungszustände können sich in Selbstverletzungen, Selbstmord(versuchen) oder in Gewalt gegenüber dem Partner und eben dem eigenen Kind entladen.

„Borderline ist eine Beziehungsstörung“, sagt Birger Dulz, Chefarzt der Abteilung Persönlichkeitsstörungen an der Asklepios-Klinik Nord, an der 1989 die erste „Borderline-Station“ in Deutschland eröffnet wurde. „Viele dieser Menschen sind selbst unter traumatischen Bedingungen aufgewachsen, wurden sexuell missbraucht, körperlich misshandelt oder seelisch missachtet“, erläutert Dulz. Bindung erlebten Kinder von Borderline-Patienten als chaotisch oder ambivalent, da die Mutter nicht balancieren könne zwischen Nähe und Distanz: „Wenn ein Kind sich dann entfernt, was es auch muss, empfindet die Mutter das als Bedrohung und versucht, das Kind an sich zu binden. Ist das Kind dann ganz nah, fühlt die Mutter sich wiederum in ihrer Autonomie bedroht und stößt das Kind weg“, sagt Dulz.

Unabhängig vom Alter leiden Kinder psychisch kranker Eltern unter Verlustängsten und entwickeln Schuld- und Schamgefühle, dass sie selbst der Grund für die Erkrankung seien, weil sie nicht „lieb genug“ oder „richtig“ waren. „Deshalb ist es wichtig, Kindern altersgerecht zu erklären, was geschieht“, sagt Albert Lenz von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, der im Sommer einen Ratgeber dazu veröffentlicht hat. Nicht selten jedoch wird die Erkrankung in der Familie und nach außen tabuisiert, oder die Wahrnehmungen der Kinder werden als „übertrieben“ dargestellt – was in Kindern das Gefühl verstärkt, einsam zu sein und den eigenen Empfindungen nicht trauen zu können. Gebe es hingegen wenigstens eine stabile Bezugsperson, könne ein Kind vieles kompensieren. „Die Realität sieht aber häufig anders aus“, so Lenz: „Gerade psychisch kranke Mütter und Väter sind häufig alleinerziehend, und ihr soziales Netzwerk ist wenig tragfähig.“

Die Kinder klammern oder sind extrem abweisend

Kinder von psychisch kranken Eltern klammern häufig oder sind extrem abweisend. Die Hälfte dieser Kinder ist bereits selbst psychisch auffällig, sagt Silke Wiegand-Grefe. Die Professorin für Klinische Psychologie an der Medical School Hamburg hat am Uniklinikum Eppendorf in Hamburg mit zwei Kolleginnen das Interventions-Programm „Chimps“ („Children of mentally ill parents“) entwickelt: Darin fanden für zunächst rund 120 Familien gemeinsam, dann für Eltern und Kinder auch getrennt Gespräche statt, in denen ermittelt wurde, was Eltern und Kinder brauchen – vielleicht schon an Therapie oder auch an Prävention, um die Ressourcen der Kinder zu stärken. Bisher gibt es keine verlässlichen Zahlen dazu, wie häufig betroffene Kinder womöglich auch erst später im Leben selbst psychisch erkranken; ihre Bedürfnisse werden seit 20 Jahren überhaupt erst allmählich wahrgenommen. Im kommenden Jahr soll das ganzheitliche „Chimps“-Angebot, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf fünf Zentren in Deutschland ausgeweitet werden.

Der neue Familienausschuss des Deutschen Bundestags ist personell zwar noch nicht besetzt, ein erster Antrag an ihn aber ist schon formuliert. Darin fordern der Bundesverband für Erziehungshilfe, der Dachverband Gemeindepsychiatrie und Albert Lenz von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen die Regierung auf, sich mehr als bisher um die Belange von Kindern mit psychisch kranken Eltern zu kümmern. Sie fordern mehr Koordinierung zwischen verschiedenen Hilfsangeboten und finanzielle Anerkennung. Kümmert sich ein niedergelassener Therapeut neben seinem erwachsenen Patienten auch um das Wohl der Kinder, bekommt er bisher kein Geld dafür.

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Als die Zukunft kam

Selbsthilfe: Wie Töchter von Borderline-Müttern darum ringen, Normalität zu erleben

An dem Tag, an dem der Vater ihr den Ellenbogen brach, durfte Susanne* nicht mehr das Zimmer verlassen. Schon gar nicht zum Arzt gehen. In der Schule fiel dem Lehrer ihr blaues Auge auf, die krumme Nase, und dass sie beim Sport nicht mitmachen konnte. Als sie sich ihm anvertraute, sagte er: „So einen Quatsch will ich nicht hören, wenn Du tatsächlich aus so asozialen Verhältnissen kommst, hättest Du ja wohl nicht durchgängig gute Noten.“ Später machten ihre Schilderungen einen Therapeuten so hilflos, dass er nur noch sagen konnte: „Es gibt einfach zutiefst böse Menschen.“

Susanne studierte schon, als ihre Mutter ihr in einem Streit an die Gurgel gehen wollte. Sie brach den Kontakt zu ihren Eltern ab. Das war vor 15 Jahren. Heute ist sie 43, wird demnächst promovieren, lebt in einer Beziehung und hat, wie sie mit leiser Stimme sagt, noch täglich an den Folgen ihrer Kindheit und Jugend „zu knabbern“. Susanne wuchs bei Eltern auf, die beide an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden.

Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland sollen von dieser psychischen Erkrankung betroffen sein, Frauen dreimal häufiger als Männer. Die Symptome sind vielfältig und nicht immer alle vorhanden. Grundlegend sind plötzliche Stimmungsumbrüche und ein instabiles Selbstbild sowie ein Gefühl innerer Leere und die Angst, verlassen zu werden. Hinzu kommen häufig Angst und Depressionen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

Starke, innere Spannungszuständen können sich in Selbstverletzungen, Selbstmord(-versuchen) oder etwa in Gewalt gegenüber dem Partner und eben dem eigenen Kind entladen. Linda hat selbst nie physische Übergriffe erlebt, die eloquente junge Frau Ende Zwanzig musste hingegen schon als Kind immer als „Familientherapeutin“ zur Verfügung stehen, wenn „meine Mutter ausrastete“, den Vater verprügelte oder ihre Wut verbal an der jüngeren Schwester ausließ: „Ich klatsch Dich an die Wand, Du Miststück“ – nur weil diese vergessen hatte, eine Kleinigkeit im Haushalt zu erledigen.

Sobald Kinder beginnen, in irgendeiner Form eine eigene Haltung zu entwickeln, empfinden sich Elternteile mit Borderline schnell zurückgewiesen und bedroht – und beginnen, das Kind zu manipulieren und in seinem Selbstausdruck zu begrenzen. Bis hin zur (seelischen) Vernichtung. Linda entging den Attacken, weil sie sich anpasste: Die Aufteilung in „Gutes Kind“ und „böses Kind“ ist ein Schema, das bei Borderline-Eltern immer wieder vorkommt. Dabei hatte Linda keine Chance, ein Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, für ihre Grenzen. Das kam erst viel später.

Anne indes wurde nicht wahrgenommen. Sie gewöhnte sich an, unauffällig zu schleichen, quasi nicht mehr zu atmen, wenn sie zuhause war, denn die Reaktionen ihrer Mutter waren unberechenbar. Essen war abgezählt, Liebe gab es nicht einmal in winzigen Portionen. Als sie sich mit 14 Jahren am Ende einer Klassenreise vor einen Lastwagen werfen wollte, weil sie nicht wieder zu ihren Eltern wollte, hielt eine Lehrerin sie gerade noch zurück.

Irgendwann ein normales Leben

Es war aktenkundig, sie musste davon zuhause erzählen. Sie hatte kaum begonnen, als die Mutter sagte, sie solle still sein. Sie müsse erst das Fenster schließen, damit die Nachbarn nichts hören. Dann erklärten Vater und Mutter ihr, dass so etwas in ihrer Familie nicht vorkäme. „Ich dachte damals“, so die 47jährige heute, „es bringt nicht mal etwas, wenn ich versuche, mich umzubringen.“ Über ihre Erfahrungen hat sie in dem 2013 erschienenen Buch „Übersehene Kinder. Biografien erwachsener Töchter von Borderline-Müttern berichtet, an dem sich 32 Töchter mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten beteiligten. Anne, Linda und Susanne sind zudem Teilnehmerinnen einer geschlossenen Selbsthilfegruppe für „Erwachsene Kinder von Borderline-Eltern“ in Hamburg.

Für die sechs Frauen zwischen Mitte 20 und Ende 40 ist die Gruppe ein geschützter Raum, in dem niemand große Augen macht oder ihnen nicht glaubt, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten. Sie haben alle Therapie(n) hinter sich oder machen gerade wieder eine, sind berufstätig, die Hälfte hat selbst Kinder. Gestandene Frauen, deren man vor allem eines anmerkt: den unbedingten Willen zu überleben. Und vielleicht irgendwann ein „normales Leben“ zu führen.

Denn obwohl alle Expertinnen sind für das, was ihnen widerfahren ist, braucht die Seele doch, das Erlebte zu verarbeiten und sich neu auszurichten. „Wenn ich mit Freunden unterwegs bin und wir unterhalten uns nett“, erzählt Anne, „dann denke ich manchmal: ‚Das ist jetzt normal? So macht man das? So gehen Freunde zusammen weg?’“ Es passiert – nichts. Das kannte sie nicht, bis sie erwachsen war. Zehn Minuten einfach nur mit jemand zu reden, ist deshalb oft purer Stress für sie, „ich muss dann wirklich gehen. Erklär das mal jemand!“ „Mach doch einen Flyer“, sagt Linda und alle lachen. Humor hilft.

Und schließlich geht es ihnen allen ähnlich. Die lange erlernten Muster der ständigen inneren Alarmbereitschaft und des Abscannens – was könnte gerade im anderen vor sich gehen und ist es womöglich bedrohlich – lassen sich nicht so einfach abstreifen und verschlingen immens viel Energie. Harmlose, zwischenmenschliche Ereignisse bekommen da schnell eine übergroße Dimension: „Wer so aufgewachsen ist, kann sich nicht sicher sein, ob der andere wirklich eine dauerhafte Beziehung will“, erklärt Babette Laubvogel, Psychologin und Psychotherapeutin, die in ihrer Hamburger Praxis auch mit Betroffenen arbeitet. „Wird dann etwa eine Verabredung abgesagt, stellt jemand sofort in Frage, ob er selbst in Ordnung und es überhaupt wert ist, das sich jemand mit ihm abgibt.“

„Mit Freundschaften tue ich mich schwer“

Anne „überlebte“, weil sie sich in Bücher flüchtete, in denen Menschen so etwas hatten „wie Gefühle“. Die zierliche Susanne klammerte sich an die Hoffnung, dass es irgendwann eine Zukunft geben würde, in der es ihr besser gehen würde. „Als aber die Zukunft da war“, sagt sie, „wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte.“ Sie ging an die Uni, „aber ich hab nichts dabei gefühlt.“ Zu fühlen, wie es ihr bei und mit etwas und jemand geht, das lernte sie erst nach und nach durch Sport, in die Natur gehen und herauszufinden, „was mir wirklich Spaß macht“: „Das kann ein Brot mit Erdnussbutter sein.“ Susanne lebt in einer Partnerschaft und wundert sich selbst, „wie ich das hingekriegt habe“.

Denn „mit Freundschaften tue ich mich schwer, da bin ich äußerst misstrauisch, ich musste auch erst lernen, Grenzen zu setzen und meine Bedürfnisse zu benennen, und dass ich dann vielleicht Menschen verliere.“ Viele litten unter Angst vor Nähe, so Babette Laubvogel, „denn in der Nähe wurde damals die Verletzung erlebt.“ In der Therapie geht es deshalb auch darum, Nähe wieder zuzulassen, sein eigenes Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung, durch alten Schmerz hindurchzugehen und dahinter das bisher verborgene, eigene Potenzial zu entdecken.

Linda sagt, sie wolle immer noch ihre Eltern schützen: Als Kind habe sie deshalb nie darüber gesprochen, wie es ihr ging, und noch heute will sie nicht, dass ihre Mutter es erfährt – weil sie dann sagen könnte, wie ihre Tochter sie so bloßstellen konnte. „Früher hatte ich Angstzustände, wenn jemand aus meiner Familie anrief, weil ich dachte, meine Eltern bringen sich um“, sagt sie, und das es ein „unglaublicher Gewinn als Lebensqualität“ sei, das dies nicht mehr vorkomme. Im Moment freut sie sich darüber, sich nicht immer zu rechtfertigen, wenn sie etwa für ihre Mutter keine Zeit hat oder nicht jeden Anruf sofort beantwortet. „Meine Hoffnung ist, dass ich selbst immer besser damit umzugehen lerne“, sagt Susanne. Denn eine neue Mutter, das weiß sie, wird es niemals geben.

 

Erstmals veröffentlicht:

www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/psychisch-kranke-eltern-war-ich-nicht-lieb-12711603.html

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Categories Gesundheit & Wohlfühlen
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